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Lebensangst

Der Passagier auf dem Nachbarsitz erwies sich als überaus gesprächig. Die Berge waren ihm noch unbekannt, und er hatte eine ganze Weile geschlafen, während das Flugzeug seine Höhe gewann. Jetzt aber war er wieder ganz wach und brannte auf eine ausgiebige Unterhaltung. Es stellte sich heraus, daß er zum ersten Male in einer bestimmten geschäftlichen Angelegenheit unterwegs war. Nach dem, was er sagte, schien er vielseitig interessiert zu sein, jedenfalls zeigte er sich auf allen möglichen Gebieten bestens unterrichtet. jetzt lag dunkel und fern das Meer unter uns, ein paar Schiffe grüßten als winzige leuchtende Punkte zu uns herauf. Die Maschine lag so ruhig in der Luft, daß man nicht einmal das Zittern der Tragflächen spürte; wir flogen die Küste entlang und glitten an den schimmernden Lichtinseln einer Anzahl von Städten und Siedlungen vorüber. Unterdessen ließ sich mein Nachbar darüber aus, wie schwer es ihm falle, seine ständige Angst zu überwinden, er meine jetzt nicht speziell die Angst vor einem Flugzeugunfall, sondernden Druck, den er beim Gedanken an die Gefahren des Lebens im allgemeinen empfinde.

Er war verheiratet und hatte Kinder, das insbesondere war für ihn eine Quelle unaufhörlicher Angst-nicht nur vor der Zukunft, sondern vor allem und jedem. Seine Angst war unbestimmt, das heißt, sie hatte keinen eigentlichen Gegenstand und verdarb ihm im wahrsten Sinne des Wortes sein ganzes Dasein, obwohl er sich nicht über Mangel an Erfolgen beklagen konnte. Gewiß, er sei von Hause aus eine etwas ängstliche Natur, meinte er, aber in letzter Zeit weiche die Angst überhaupt nicht mehr von ihm, und seine Träume seien geradezu fürchterlich. Seine Frau wisse wohl um diesen Zustand, mache sich aber keine rechte Vorstellung von dessen Ernst.

Angst gibt es nur in Beziehung auf ein Objekt. Angst ohne Gegenstand ist nur ein Wort, und dieses Wort ist nicht die Angst selbst. Wissen Sie denn wirklich nicht, wovor Sie sich fürchten?

»Ich habe noch nie sagen können, dies oder jenes sei es. Auch meine Träume sind nur ein wüstes Durcheinander, das aber diese ungreifbare Angst wie ein roter Faden durchzieht. Ich habe mit Freunden und Ärzten darüber gesprochen, aber sie haben mich entweder ausgelacht oder mit billigen Ratschlägen abgespeist. Bis jetzt habe ich vergebens versucht, eine greifbare Ursache meiner scheußlichen Zustände ausfindig zu machen -dabei möchte ich sie doch so gerne los sein. «

Wollen Sie sie wirklich los sein oder ist das nur so eine Redensart? »Nein, nein, es ist mir bitter ernst damit. Ich sage Ihnen, ich gäbe viel darum, wenn ich diese Angst loswerden könnte. Obwohl Religion sonst nicht meine starke Seite ist, habe ich sogar schon darum gebetet. Wenn mich meine Arbeit, oder sagen wir ein Spiel ganz in Anspruch nimmt, dann fühle ich mich zuweilen frei davon, aber das Scheusal wartet geduldig in seinem Versteck, und allzu bald ist es wieder mein unzertrennlicher Gefährte.«

Ängstigen Sie sich gerade jetzt in diesem Augenblick? Haben Sie den Eindruck, daß die Angst irgendwo auf Sie lauert? Ist sie bewußt oder unbewußt?

»Ich spüre den Druck immer ganz genau, aber ob die Angst bewußt oder unbewußt ist, das könnte ich nicht sagen.«

Wenn Sie die Angst verspüren, haben Sie dann den Eindruck von Ferne oder von unmittelbarer Nähe, beides nicht räumlich, sondern als Gefühl verstanden?

»Sobald ich auf sie achte, scheint sie mir unerträglich nah zu sein – aber sagen Sie, was sollen diese Fragen bedeuten?«

Angst ist nur in Beziehung zu einem Objekt denkbar. Dieses Objekt kann etwa ihre Familie sein, oder ihre Arbeit, irgend­welche Zukunftssorgen, vielleicht auch der Tod. Fürchten Sie den Tod?

»Nicht besonders, allerdings würde ich ein rasches, plötzliches Ende einem langsamen Sterben vorziehen. Die Familie? Nein, warum sollte ich mich ihretwegen ängstigen? – Und meine Arbeit gibt mir erst recht keinen Anlaß dazu. «

Wenn keine dieser oberflächlichen Beziehungen schuld daran sind, dann muß die Ursache tiefer liegen. Es könnte sogar gelingen, sie Ihnen aufzuzeigen, aber wenn Sie irgend können, suchen Sie sie selbst zu finden, dann wäre nämlich der Eindruck der Entdeckung wesentlich größer. Warum machen Ihnen die Beziehungen der Oberfläche, von denen wir sprachen, keine Angst?

»Meine Frau und ich lieben die Kinder, sie denkt nicht daran, einen anderen Mann anzuschauen, und ich kümmere mich nicht um andere Frauen. Wir ergänzen einander ausgezeichnet. Die Kinder machen uns wohl Sorgen, aber man tut eben für sie, was man kann. Bei dieser wirtschaftlichen Unsicherheit in der ganzen Welt kann man ihnen leider keine gesicherte Existenz schaffen, darum kommt es am Ende auf ihre eigenen Leistungen an. Mein eigener Posten ist ziemlich sicher, bleibt also nur die verständliche und ganz natürliche Angst, daß meiner Frau etwas zustoßen könnte.«

Die Tiefe Ihrer Beziehung zu Ihrer Frau steht also für Sie außer Zweifel. Warum fühlen Sie sich in diesem Punkte so sicher? »Das weiß ich selbst nicht, es ist eben so. Schließlich gibt es gewisse Dinge, die man als gegeben hinnimmt, nicht wahr?«

Damit ist nichts erklärt. Sollen wir der Frage weiter nachgehen? Warum sind Sie Ihrer engen Zugehörigkeit zu Ihrer Frau so sicher? Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, Sie ergänzten einander? »Wir finden in der Gemeinsamkeit unser Glück, wir helfen einander, wir verstehen einander, kurzum, wir brauchen einander. In einem tieferen Sinne hängen wir dadurch wohl auch voneinander ab. Es wäre ein entsetzlicher Schlag, wenn einem von uns etwas zustieße. So gesehen, kann man uns in der Tat als abhängig betrachten.«

Was verstehen Sie unter >abhängig<? Meinen Sie, daß Sie ohne Ihre Frau verloren wären, daß Sie sich ganz und gar verlassen fühlten? Ist es das? Und ihr ginge es wahrscheinlich ebenso, insofern sind Sie wirklich voneinander abhängig.

»Ja, aber ist denn das so schlimm?«

Wir wollen hier nicht urteilen oder verdammen, sondern aus­schließlich fragen. Aber ist es Ihnen auch recht, wenn wir diese Spur weiter verfolgen? Sind Sie wirklich damit einverstanden? Gut, dann wollen wir fortfahren.

Ohne Ihre Frau wären Sie also allein und im tiefsten Sinne des Wortes verloren, darum ist sie Ihr Ein und Alles, nicht wahr? Diese Frau ist Ihr ganzes Glück, darum hängen Sie an ihr. Und diese Abhängigkeit pflegt man Liebe zu nennen. Sie haben Angst, allein zu sein. Ihre Frau ist immer zur Stelle, um die Tatsache Ihrer Einsamkeit vor Ihnen zu verdecken, und Sie erweisen ihr umge­kehrt den gleichen Dienst. Aber die Einsamkeit als solche wird davon nicht berührt, sie bleibt. Ja, so benutzen wir einander, um unsere Einsamkeit vor uns selbst zu verbergen, wir fliehen vor dieser Einsamkeit auf vielen Wegen und durch viele Arten von Beziehungen – und jede solche Beziehung macht uns durch den Dienst, den sie uns leistet, von sich abhängig. Ich höre zum Beispiel Radio, weil mich die Musik meiner selbst enthebt und dadurch glücklich macht, oder ich vergrabe mich in Bücher und Gelehrsam­keit, um mich wie der Vogel Strauß vor mir selbst zu verstecken. Und jedesmal entsteht daraus eine Abhängigkeit.
»Was ist dabei Schlimmes? Warum soll ich nicht vor mir selbst davonlaufen? Ich wüßte nicht, worauf ich stolz sein könnte, darum kehre ich diesem wenig erfreulichen Ich den Rücken und halte mich lieber an meine Frau, die viel besser ist als ich.«

So machen es in irgendeiner Form weitaus die meisten Men­schen. Aber der Haken ist, daß Sie bei dieser Flucht vor sich selbst in Abhängigkeit geraten sind. Mit der zunehmenden Angst vor dem, was ist, wird die Abhängigkeit immer stärker, die Flucht immer wichtiger. Die Frau, das Buch, das Radio werden zu unentbehrli­chen Requisiten eines Daseins, das ganz auf Flucht abgestellt ist. Meine Frau dient mir dazu, mir selbst zu entrinnen, darum hänge ich an ihr. Ich muß sie mir erhalten, ich darf sie nicht verlieren, und sie läßt sich gern von mir halten, weil ich ihr zu dem gleichen Zweck diene wie sie mir. Wir haben beide das Bedürfnis, uns selbst zu entrinnen und helfen uns dabei gegenseitig. Dieses Voneinander-Gebrauchmachen bezeichnet man kühn als Liebe. Sie sind nicht mit dem zufrieden, was Sie sind, darum ergreifen Sie vor sich selbst, also vor dem, was ist, die Flucht.

»Das klingt nicht übel, ich wüßte nicht, was dagegen einzuwen­den wäre. Aber eins haben Sie noch nicht gesagt: Warum läuft man davon? Und vor allem wovor?«

Vor Ihrer eigenen Einsamkeit, Ihrer inneren Leere, kurzum, vor dem, was Sie sind. Wenn Sie davonlaufen, ohne noch recht erkannt zu haben, was ist, dann können Sie selbstverständlich dessen, was ist, auch nicht innewerden. Folglich müssen Sie vor allem einmal in Ihrem Lauf innehalten; Ihre Flucht unterbrechen, weil Sie nur auf diese Art gewahr werden können, wie Sie wirklich sind. Aber Sie können das, was ist, auch dann nicht richtig beobachten, wenn Sie es ständig kritisieren, wenn Sie es lieben oder nicht lieben. Sie nennen Ihren Zustand Einsamkeit und ergreifen die Flucht davor, eben diese Flucht vor dem, was ist, ist aber nichts anderes, als Angst vor dem, was ist. Sie fürchten Ihre Einsamkeit, Ihre Leere und verdecken beides vor Ihren eigenen Blicken, indem Sie sich abhängig machen. So kommt es, daß Ihnen die Angst ständig auf den Fersen bleibt, sie läuft Ihnen nach, solange Sie vor dem, was ist, auf der Flucht sind. Das Einssein, die völlige Gleichsetzung Ihres Ichs mit einer Person oder Idee gibt Ihnen nicht einmal die Gewähr, daß Ihnen Ihre Flucht endgültig gelingt, denn im Hintergrunde lauert ständig die Angst. Sie schleicht sich durch Träume zu Ihnen ein, wenn die Gleichsetzung mit dem Ersatz-Ich vorübergehend nicht funktioniert, und das kommt natürlich andauernd vor, sofern nicht eine echte geistige Störung vorliegt..

»Also kommt meine Angst von meiner eigenen Hohlheit, mei­nem Ungenügen. Ich sehe das vollkommen ein, und es ist sicherlich richtig – aber was kann ich nun dagegen tun?«

Gar nichts. Was Sie auch unternehmen, ist Flucht. Diese Tatsache müssen Sie sich vor allem klarmachen. Dann begreifen Sie auch, daß Sie selbst nichts von Ihrer Hohlheit Verschiedenes oder Getrenntes sind. Sie sind dieses Ungenügen. Der Beobachter selbst ist die beobachtete Leere. Wenn Sie dann weiter fortschreiten, werden Sie Ihren Zustand nicht mehr als Einsamkeit bezeichnen – das Namengeben hat aufgehört. Bleiben Sie auf diesem Wege, was allerdings ziemlich beschwerlich ist, dann ist jenes als Einsamkeit bekannt gewesene Gefühl überhaupt nicht mehr da, es gibt keine Einsamkeit, keine Leere mehr, der Denker als gedachtes Ich hat aufgehört zu sein. So allein nimmt die Angst ein Ende. »Wenn es so ist, wie Sie sagen, was ist dann Liebe?«

Liebe ist nicht Bindung, ist nicht Abhängigkeit von einem geliebten Du. Sie ist auch nicht der Gedanke an das geliebte Wesen. Wenn die Liebe da ist, denken Sie nicht daran, die Gedanken an Liebe kommen nur, wenn sie Ihnen fern ist, wenn ein Abstand zwischen Ihnen und dem Objekt Ihrer Liebe besteht. Solange die Liebenden vereint sind, gibt es keine Gedanken, keine Bilder, kein Aufleben der Erinnerung. Das Denken, die Phantasie beginnt erst zu arbeiten, wenn die Vereinigung in irgendeiner Schicht unseres Wesens eine Unterbrechung erleidet. Das Denken fängt also da an, wo die Liebe aufhört, denn Liebe ist etwas wesentlich anderes als das Denken. Das Denken macht nichts als Qualm: durch Neid, durch Festhalten, Mißverstehen oder Ausgraben vergangener Dinge, durch Sehn­sucht nach dem Morgen, durch Gram und Sorgen, es macht so viel Qualm, daß die Flamme schließlich ersticken muß. Wenn sich der Qualm verzieht, dann brennt die Flamme. Die beiden können nicht nebeneinander bestehen. Die Vorstellung, es könnte doch möglich sein, ist ein Wunsch, ein Ausgedachtes, wie alle Wünsche. Gedachtes aber kann niemals Liebe sein.

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